Witzwort vertellt
94: Die Hebammentagebücher
Im Witzworter Archiv liegen die Tagebücher der Hebamme Elisabeth Hogrefe aus den Jahren 1905 bis 1939, überreicht durch ihre Enkelin Inge Claussen.
Verzeichnet sind darin die von Hogrefe betreuten Geburten aus Witzwort, Oldenswort, Uelvesbüll und Simonsberg, insgesamt 521. Mit Sicherheit sind das nicht alle Geburten in dieser Zeit, denn die Unterlagen sind nicht ganz vollständig und nicht immer war eine Hebamme beteiligt. Manche Frauen brachten ihr Kind zuhause mit Nachbarschaftshilfe zur Welt oder gingen zur Geburt ins Krankenhaus. Im Tagebuch ist jeweils notiert: Name der Mutter, ihr Alter, die wievielte Geburt, Geschlecht des Kindes, ob es gesund war, Name und Beruf des Vaters und Angaben zum Verlauf. Für Witzwort sind 418 Geburten in diesem Zeitraum verzeichnet.

Die Jahresstatistik zeigt einen klaren Geburtenrückgang im ersten Weltkrieg und danach sinkende Geburtenzahlen, die möglicherweise auch auf vermehrte Krankenhausgeburten hinweisen.

Das Kreisdiagramm zeigt die Anzahl der von der Hebamme betreuten Geburten, sortiert nach der sozialen Zugehörigkeit der Familie. Obwohl damals Bauernfamilien die überwiegende Mehrheit der Witzworter Haushalte stellten, wurden mehr als die Hälfte aller Kinder in Landarbeiter- und Handwerkerfamilien geboren. Deren unsichere soziale Lage führte oft zu Kinderreichtum, auch in der Hoffnung, später im Alter versorgt zu sein.
Den traurigen Gebärrekord hält in Hogrefes Tagebüchern Anna Mölck. Sie hatte schon vor 1905 elf Kinder zur Welt gebracht und danach nochmal sieben. 1915 starb sie mit ihrem Kind bei der 19. Geburt. Nun sagt aber die Dorfüberlieferung, dass Schuhmacher Mölck mit 23 Kindern in der Dorfstraße 28 lebte. Er hat also vermutlich wieder geheiratet, nicht zuletzt, weil noch einige Kleinkinder zu versorgen waren.
21 Kinder wurden von nicht verheirateten Frauen geboren, ihr Beruf wird mit Dienstmagd, Dienstmädchen oder Haushälterin angegeben. Hier bleibt der Vater im Dunkeln. Falls das Paar anschließend geheiratet hätte, ließe sich die Frau eventuell als Verehelichte mit weiteren Geburten finden. Aber keine der 21 Frauen erscheint nochmal in den Listen. Bei Else Andreä, die 1911 ihr erstes Kind bekommt, notierte die Hebamme: "Kuhmilch, die Mutter ging wieder in Stellung". Aus der Familienchronik Andreä wissen wir, dass sie 1924, also viel später Walter Ingwersen aus Lunden heiratete. Auch der tragischste Tagebucheintrag betraf eine ledige Mutter: Die 23jährige Louise Steffens, Haushälterin, hatte 1913 eine Fehlgeburt im dritten Monat. Die Hebamme notierte: „Starb an Verblutung. Als ich gerufen wurde, war sie schon ohne Puls und ganz blau im Gesicht“.
Die meisten Kinder kamen aber gesund zur Welt, mit Elisabeth Hogrefes Hilfe. Als Hebamme war sie von 1902–1942 in Witzwort tätig. Das Foto zeigt sie bei der Verabschiedung 1942 und zwei ihrer Tagebücher.

